Wie „Radikale Ehrlichkeit“ mir geholfen hat, Gewaltfreie Kommunikation erst richtig zu kapieren

Vor einigen Wochen (im September 2015) war ich auf einem 9-Tages-Workshop zu „Radikaler Ehrlichkeit“ in Virginia, USA.

Ich hatte im Vorfeld mit vielem gerechnet (hauptsächlich mit vielen gruseligen Gelegenheiten, meiner Angst vor Ehrlichkeit ins Gesicht zu sehen), aber dass mir während dieser Zeit – und danach – noch einige gewaltige Lichter zur Gewaltfreien Kommunikation aufgegangen sind, war die Überraschung schlechthin!

Outdoor DateIch habe den Eindruck, dass ich GFK nun wirklich“kann“, ohne dass es mich immer noch so wahnsinnig viel Mühe kostet wie am Anfang.
Natürlich habe ich nun schon auch knapp 10 Jahre Erfahrung damit auf dem Buckel, und doch… ist noch einmal ein Durchbruch geschehen.

Und das ist wirklich lustig, denn „Radikale Ehrlichkeit“ und Gewaltfreie Kommunikation sehen auf den ersten Blick ja aus wie Feuer und Wasser. Durch einen Workshop in Radikaler Ehrlichkeit seine GFK-Fähigkeiten zu verbessern (was gar nicht meine Absicht war…), mutet erstmal so seltsam an, als würde man einen Kurs in Töpfern belegen, um dadurch ein besserer Autofahrer zu werden.
(Ist es aber letztlich gar nicht).

Wie könnte man nun den Unterschied zwischen beiden erklären? Vielleicht so (und ja, das ist jetzt etwas übertrieben und satirisch, um die Sache deutlich zu machen :-)):
In GFK-Workshops verwenden die Teilnehmer viel Zeit und Mühe darauf, herauszufinden, was ihre Gefühle und Bedürfnisse in einer bestimmten Situation sind, und wie sie Dinge formulieren können, ohne dass ihr Gegenüber (zu sehr) getriggert wird.

In Radikale-Ehrlichkeit-Workshops werfen sich die Teilnehmer dagegen fleißig lautstark „Fuck-Yous!“ an den Kopf und üben, jeden auftauchenden Ärger möglichst gleich direkt auszudrücken. Ohne sich (erstmal) einen Scheiss darum zu scheren, ob der andere getriggert wird.

Die dahinter liegende Motivation ist, zu vermeiden, dass sich aus unausgesprochenen Gefühlen und Gedanken eine Mauer der Distanz zwischen zwei Menschen aufbaut.

Psychotherapeut Brad Blanton, der Begründer von „Radikale Ehrlichkeit“ (und Autor des kürzlich auf Deutsch erschienen Buches „Radikal Ehrlich“), hat meiner Ansicht nach absolut Recht, wenn er darauf hinweist, wie distanziert wir Menschen voneinander sind, und wie oft wir unehrlich zueinander sind.

Wir lügen.

Wir verschweigen unsere wahren Gedanken und beschönigen unsere Gefühle.
Wir setzen ein freundliches Gesicht auf, um Konflikte zu vermeiden und um zu bekommen, was wir wollen, auch wenn wir so gar nicht einverstanden sind mit dem Verhalten eines anderen Menschen.
Wir täuschen und manipulieren.

Das alles muss aufhören, so Blanton, wenn wir glückliche Beziehungen erleben und das Leben auf diesem Planeten für alle lebenswert gestalten wollen. Deshalb plädiert er leidenschaftlich für Ehrlichkeit – und zwar auf allen Ebenen: Gefühle, Gedanken, Absichten.
Wer das versucht, stellt ziemlich schnell fest, dass man nur in dem Maße ehrlich zu anderen sein kann, wie man ehrlich zu sich selbst ist.
Nur wenn ich mir meine Gefühle und Gedanken eingestehe, kann ich sie mit anderen teilen, aber nicht, solange ich sie verdränge und ignoriere.

Was man da so in sich findet, wenn man erst einmal anfängt, ehrlich in sich hineinzusehen, ist zunächst einmal eine Menge Mist.

Ich war und bin immer noch oft schockiert davon, wie viel Wut und Ärger, Urteil und Ablehnung ich in mir habe. Kein schönes Bild.

Das Heilsame an 9 Tagen in einer Gruppe von Menschen, die radikal ehrlich miteinander sind, ist, ziemlich schnell festzustellen, dass keiner von uns besser oder schlechter ist. Wir alle sind irrational, schnell aus nichtigen Anlässen auf 180, verurteilend und ungerecht. Und mit dieser Erkenntnis lässt dann auch das Urteilen über alle diese Eigenschaften nach.

Soweit ich Brad Blanton wie auch Marshall Rosenberg verstehe, stimmen sie in diesem Punkt überein: Gefühle müssen gefühlt und ausgedrückt werden. Trotz der äußerlich unterschiedlichen Art, wie dies geschieht, ist das bei beiden ein, wenn nicht der zentrale Punkt.

Durch meine Beschäftigung mit Radikaler Ehrlichkeit habe ich erkannt, dass es sich bei jedem Trigger lohnt, erst einmal zu fragen: Bin ich wütend?
Das ist meistens der Fall, weil getriggert werden nun einmal damit zu tun hat, dass ein Teil unseres Gehirns interpretiert, wir seien in Gefahr. Emotionaler Gefahr: Der andere liebt mich wohl nicht (mehr) und ist nicht für mich da, wenn ich ihn brauche.
Dies geht zurück auf die Zeit, als wir noch sehr klein waren:
Als kleine Kinder war es für uns überlebensnotwendig, dass unsere Eltern sich um uns kümmerten.
Jede Erschütterung der Verbindung zu ihnen wurde als potentiell lebensbedrohlich eingestuft.

Aufgrund dieser Prägung stellt unser Gehirn immer noch häufig die Gleichung „Liebesverlust = Lebensgefahr“ auf!

Wir verfallen in den bekannten Flucht- oder Verteidigungsreflex, Adrenalin wird ausgeschüttet, körperliche Symptome wie verstärktes Herzklopfen, flachere Atmung, Zittern oder Anspannung machen sich bemerkbar.

Das sind die körperlichen Anzeichen dessen, was wir „Wut“ oder „Ärger“ nennen.
Darunter steckt natürlich die nackte Angst. Angst um Überleben. Tiefes Verletztsein. Verzweiflung.

Doch Wut gilt in unserer Gesellschaft als infantil, unreif, aggressiv, verletzend, kurz gesagt: unerwünscht! Kinder werden ausgeschimpft oder sogar bestraft, wenn sie Wut und Ärger zeigen. Deswegen wollen wir sie oft selbst nicht wahrhaben, fühlen oder gar aussprechen.

Hier schließt sich für mich der Bogen zur GFK.
Auch wenn Marshall Rosenberg ganz klar sagt, dass Ärger ausgedrückt werden muss, fällt es vielen Anwendern der Gewaltfreien Kommunikation schwer (meine Ansicht). Sie sind nicht in Kontakt mit ihrem Ärger und tendieren dazu, ihn zu ignorieren und zu übergehen. Irgendwie scheint sich eingeschlichen zu haben, dass nur Einfühlung gewaltfrei ist, Ärger auszudrücken aber nicht.

Ich glaube nicht, dass dies in der Regel bewusst abläuft. Meine Interpretation ist viel eher, dass das große soziale Tabu gegenüber Ärger und die eigene Angst davor mit in die Gewaltfreie Kommunikation hineingetragen werden, und sich vielleicht auch gerade viele Menschen, denen Wut und Ärger nicht ganz geheuer sind, sich zu GFK hingezogen fühlen – in der unbewussten Hoffnung, sie bräuchten sich mit diesen Gefühlen nun nicht länger beschäftigen.

Als ich mit GFK anfing, war ich kaum in der Lage, Wut zu spüren. Ich verbrachte viel Zeit damit, mich zu fragen, was ich gerade fühlte und brauchte, und erinnere mich, oft die Liste der Gefühle und Bedürfnisse durchzugehen, in der Hoffnung, etwas zu finden, was in mir Resonanz auslöste.
Doch oft schien nichts zu recht zu passen – kein Wunder, wenn ich die Optionen „wütend“ und „ärgerlich“ schon gleich unbewusst ausgeschlossen hatte.

In schwierigen Situationen (= wenn ich getriggert war 😉 ) bemühte ich mich, die Gefühle und Bedürfnisse des anderen zu erraten. Das brachte schon gute Ergebnisse und manche Verbindung, doch hinterher fühlte ich mich oft erschöpft und frustriert.

Heute weiss ich, wieso: Weil ich darüber hinweggegangen war, was ich denn fühlte und brauchte

Ich war viel zu schnell beim anderen, und viel zu wenig bei mir.
Ich gab mir selbst vielleicht im Stillen Empathie, doch sprach was ich fühlte und brauchte nicht aus, und wenn doch, dann auf eine Art, die mir selbst oft kraftlos vorkam.

Die „Für-mich-Einstehen“-Seite fehlte.

Das zeigte sich später auf besonders schmerzhafte Weise in meiner Ehe, in der mein Mann und ich viele mühsame, stundenlange Gespräche hatten, in denen ich versuchte, durch GFK irgendetwas zu lösen, und es nicht schaffte.
Unsere Beziehung änderte sich erst rapide zum Besseren (nach unserer Trennung!), als ich angefangen hatte, mich mit Radikaler Ehrlichkeit zu beschäftigen und ihm ein paar Male lautstark meinen angesammelten Schmerz und Frust ins Gesicht schrie. Ganz unempathisch.;-)

Er hörte mich.
Das war ein mächtiges Aha-Erlebnis.

Wenn wir Gewaltfreie Kommunikation anwenden, lohnt sich immer wieder die Frage: Will ich gerade empathisch sein, weil es authentisch aus meinem Herzen kommt, oder habe ich gerade Angst, meinen Ärger zu zeigen? Will ich Empathie benutzen, um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen? Weil es mir zu viel Angst macht, für mich einzustehen?

Es ist wichtig, dass wir uns mit unserer Wut und Aggression auseinander setzen und sie in unsere Kommunikation integrieren, anstatt sie unter den Teppich kehren zu wollen. Denn auch scheinbar versteckt unter dem Teppich sabotieren diese Gefühle unsere Versuche, mit anderen in Verbindung zu sein.
Außerdem, wie auch Marshall Rosenberg sagt: In unserem Ärger steckt ein lebensdienlicher Kern.
Manchmal ist Aggression (die Kraft, die mit dem Ärger einhergeht) genau das, was uns hilft, für uns einzustehen, Grenzen abzustecken oder uns Gehör zu verschaffen. Es gibt Menschen, die hören die leisen Töne nicht. Laut zu werden ist manchmal genau das, was es braucht.

Wir können laut und wütend sein, und gleichzeitig dem anderen gegenüber einfühlsam. Was auf jeden Fall nicht funktioniert, ist wütend sein, es nicht zugeben und gleichzeitig „empathisch zu tun“, denn die unausgesprochene Wut blockiert jegliche wirkliche Verbindung zum anderen.

Wenn wir wahre Meister der Kommunikation werden wollen, brauchen wir beides: Die Kraft der Empathie wie auch die Kraft der Aggression.

Dazu fällt mir wieder ein, was Alexandra Stross vor einiger Zeit in ihrem Blog schrieb: Aggression ist in der Natur eine zum Überleben notwendige Kraft. Ohne Aggression könnte ein Same nicht seine Schale durchbrechen und ein kleiner Baumspross keine Betondecke. (Das inspiriert mich immer wieder. Danke, Alexandra!)
Nur wir Menschen verurteilen Aggression als (fast) durchweg negativ.
Dabei kommt es darauf an, wie und wozu wir diese Kraft nutzen!

Um das Leben zu erhalten und zu beschützen, oder um es zu zerstören?

Noch ein abschließendes Wort zu Radikaler Ehrlichkeit: Für mich war diese ein gewaltiger Befreiungsschlag. Und hier und da wünsche ich mir dann doch wieder die gute alte heilsame Empathie her.
Ich bin ein Empathischer-Verbindungs-Junkie und glaube, nach so manchem „Fuck-you!“-Schlagabtausch wäre sie extrem hilfreich.

Beides miteinander zu integrieren ist für mich der beste Weg.

Kendra070315KreisMit GFK-Worten: Es erfüllt mein Bedürfnis nach Ich-selber-Sein wie auch die Verbindung zu anderen Menschen.

Im Stil von Radikal Ehrlich: Ich schätze die Fähigkeit, sagen zu können, was mich ankotzt, und auch, anderen einfühlsam zuhören zu können. Geiler Scheiss! Fuck!

Danke fürs Lesen und:
Was meinst du dazu? Schreib doch unten einen Kommentar!

Kendra

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Und hier noch ein bisschen schamlose Werbung:

Cover_Frontseite_FallenMein Buch über GFK:

„Die Fallen der Gewaltfreien Kommunikation. Wie Sie mit Gewaltfreier Kommunikation endlich dort ankommen, wo Sie schon die ganze Zeit hinwollten“

 

 

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Mein Buch über Radikale Ehrlichkeit in Partnerschaften:

„Sag’s ihm doch einfach! Steh zu deiner Wut und belebe eure Liebe neu“

 

 

 

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Neugierig auf „Radikale Ehrlichkeit“?

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6 Kommentare

  1. Liebe Kendra
    ich musste oft lachen…. ich liebe es wie du schreibst und deine Authentizität die da spürbar ist.
    Vielen Dank für diesen Artikel. mit meinen Klienten bespreche ich diese Ehrlichkeit und den Mut dazu auch sehr oft. Und ich freu mich, wenn ich’s dann selbst auch anwende 😉 …es fühlt sich innerlich so leicht an… es ist öfters noch ein Üben… aber es ist so aufregend 😉
    alles Liebe Bernadette

  2. Danke für deine Rückmeldung, Sissi, es freut mich, dass du Freude an dem hattest, was ich geschrieben habe!

    Herzliche Grüße,
    Kendra

  3. Richtig geiler Scheiss! Vielen Dank, absolut aufschlussreich!

  4. Liebe Kendra,

    ein schöner Beitrag. Toll was für Erfahrungen du selbst machen konntest und wie betörend zu lesen, das es für dich viel an Änderung bringt. Radikal Ehrlich sein hat für mich auch etwas mit Authentizität zu tun. Beides sind wichtige Grundsteine meines Seins, und ich sage wirklich jedem Kunden oder auch Freunden immer nur „Sag einfach was los ist, ohne Schnörkel aber Wertfrei“! Es ist echt entspannend meinen dann viele die sich das trauen. Ja denn es gehört wohl Mut dazu Ehrlich zu sein. Hab eine gute Woche!

    Glg von Sissi

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